Mai 2019 | Besuch der Révélations in Paris

Grand Palais Paris – Ausstellungsort der Révélations

 

Diesmal möchte ich von einer ganz außergewöhnlichen Reise von sieben Mitgliedern unseres Freundeskreises nach Paris vom 21. Mai bis 25. Mai 2019 berichten. Der Hauptgrund dieser Paris-Visite war der Besuch der 4. Révélations, einer internationalen Biennale für Kunsthandwerk und Création, die 2013 das erste Mal im Grand Palais stattfand. Der Freundeskreis Grassimuseum hat es gemeinsam mit anderen Körperschaften ermöglicht, fünf sächsische Kunsthandwerkerinnen zu dieser Leistungsschau der Superlative zu delegieren, um ihr Können einem breitgefächerten internationalen Publikum vorzustellen.

Damit der geneigte Leser unseren Paris-Aufenthalt gedanklich nachvollziehen kann, werde ich versuchen, unser Erlebtes chronologisch  bildhaft zu vermitteln. Zwar sprechen Fotos mehr als tausend Worte, man läuft aber Gefahr, der neuen Datenschutzgrundverordnung beim Ablichten nicht im vollen Umfang Genüge zu tun, das kann teuer werden.

Nach dem 1h 45min Flug von Berlin-Tegel nach Paris Charles-de-Gaulle und dem problemlosen Transfer zum Hotel waren wir in der Lage, schon gegen 15:00 Uhr die Stadt der Liebe zu erkunden. Dem langen Sitzen überdrüssig, waren wir der Meinung, das zu Fuß zu erledigen, benötigten wir doch zu allererst den offiziellen Paris-Pass, um die Metro und die Pariser Museen benutzen zu können. Wir schauten uns das Drama mit Notre-Dame an und schlenderten im Anschluss durch das Quartier Latin. Als dann genügend Kalorien verbraucht waren, kehrten wir in eine typische Pariser Brasserie ein und verbrachten einen schönen Abend in einer Schaufenster-Ecke des Lokals. Sehen und gesehen werden ist in Paris schon immer en vogue.

Der nächste Tag, Mittwoch der 22.5.2019, sah vormittags eine 2-stündige Führung durch fünf der historischen Pariser Passagen vor, von denen insgesamt noch 17 existieren. Sie wurden von 1800 bis etwa 1850 als Vorläufer der später aufkommenden Warenhäuser errichtet. Im Vergleich: Die älteste Leipziger Passage im „Specks Hof“ entstand 1908-09. Unser Guide war eine kleine kesse Pariserin, jung an Jahren, mit kräftigem Stimmchen. Sie begann die Führung aus architektonischer Sicht über das Paris, wie wir es heute sehen oder besser gesagt wie wir es nicht mehr sehen. Dass die Gebäude in Paris entlang der großen Boulevards einander recht ähnlich sind, verdanken wir dem Baron Georges Eugène Haussmann, der von 1853-1870 Präfekt in Paris war. Haussmann ließ im Zweiten Kaiserreich, von Napoleon dem III. deswegen eingesetzt, das mittelalterliche Paris abreißen. Es waren wohl etwa 20000 Gebäude, die dem Stadtumbau zum Opfer fielen. „Der Baumeister von Paris“ erschuf das neue Paris noch eher klassisch ausgerichtet, sehr linear mit breiten Boulevards. Entgegen anderen Hauptstädten besaß Alt-Paris keine Kanalisation, das musste sich ändern. Ein widerwärtiger Gestank lag über der Stadt, die Straßen waren voller Dreck und Exkremente. Die Pariser Passagen erfüllten, neben der Abkürzung des Weges, auch einen ganz anderen praktischen Effekt. Die Passagen haben geflieste Fußböden und sind überdacht. An den Eingängen befand sich ein Raum zur decrottage, wo man seine Kleidung und Schuhe vom Schmutz befreien konnte. Man bedenke, dass die standesgemäßen Kleider der Damen fast den Boden berührten und die Säume mit Sicherheit die reichlichen Unebenheiten im günstigsten Falle touchierten. Man konnte also zum ersten Male sauberen Fußes durch die Passagen flanieren. Durch die Passagen durfte sich allerdings nur die Pariser Bourgeoisie bewegen. In den besser ausgestatteten Passagen, den Galerien, war der Zutritt sogar nur der Bourgeoisie supérieur gestattet, ein Concierge wachte darüber. Die älteste Pariser Passage ist die „Passage des Panoramas“, wurde 1800 erbaut und im Roman „Nana“ 1880 von Émile Zola beschrieben. Louis Aragon nannte die Passagen 1926 in seinem Roman “Pariser Landleben“ die „in meergrün getauchten Menschenaquarien“. Nur hier in den Passagen kann man erahnen, wie das Paris um 1800 wohl ausgesehen hat, für mich sind die Passagen von Paris so etwas wie die Brücken über den Fluss der Zeit. Die Führung verging, trotz der vielen Fakten, wie im Fluge. Das formidable Deutsch, verbunden mit dem charmanten Dialekt unserer Begleitung, trug sicher dazu bei.

Künstlerinnen am Messestand *

Frau v. Gwinner mit den Künstlerinnen

Am späten Nachmittag begann der eigentliche Zweck der Reise, die Eröffnung der Révélations im Grand Palais. Aus der Sicht des Besuchers war ich im Vorfeld doch sehr gespannt, wie es gelingt, die vorherrschende klare Formensprache unserer Zeit im Kontext mit der Verspieltheit des Gebäudes, im Stil des Art Nouveau erbaut, zu verbinden. Sollte der Bau doch ursprünglich den Ruhm der französischen Kunst durch Prunk und Größe, immerhin 5000 Quadratmeter Innenfläche, verherrlichen, ist die Révélations im Vergleich doch eher ein Ort der leiseren Töne, des Filigranen und des Emotionalen. Das verbindende Element der Architektur im Jugendstil ist die Abkehr der bis dato üblichen Vorstellungen vom Bauen zu sehen. Erstmals wurde verstärkt Eisen, Glas und Beton statt edler Gesteine, Dekorationen wie die beliebten Hermen, Karyatiden und den scheinbar gebälktragenden Atlanten verwendet. Die gewisse Filigranität und Leichtigkeit der tragenden Teile war der aufkommenden Ingenieursarbeit geschuldet, die diese Konstruktionen ohne PC und 3 D-Computersimulation berechneten. So gesehen ist das hier gezeigte Kunsthandwerk nicht minder avantgardistisch, weil die althergebrachten edlen Materialien wie z.B. Gold und Diamanten, wenn überhaupt, eine seit vielen Jahren sehr untergeordnete Rolle spielen. Man sieht auf der Révélation viele kunsthandwerkliche Arbeiten im neuen Gewand, moderne Intarsien, sehr spezielle Möbel oder der Werkstoff Holz an sich, in Formen, die es so bisher noch nicht gab. Aber auch Arbeiten in Glas, Keramik, Papier sowie Metall waren vertreten und, wer hätte das gedacht, auch Schuhe, extravagant, schön, etwas anders und erfreulicherweise auch für Herren. Für uns war natürlich der Stand „Grassi for Friends“ das Highlight, der wohl jeden von uns mit einem gewissen Stolz auf das Erreichte erfüllte.
Die fünf sächsischen Künstlerinnen präsentierten ihre Exponate auf einem regalähnlichen Möbel beachtlicher Größe, das an optischer Leichtigkeit nicht zu übertreffen war. Ein „Eyecatcher“ in Weiß, der sich aber diskret unterzuordnen wusste. Die meisten der gezeigten Gegenstände standen, auch bedingt durch ihre Farbigkeit, im Focus des Interesses. Wir verbrachten den Eröffnungsabend gemeinsam am Stand. Mit Sicherheit wird Frau von Gwinner ausführlich speziell die Künstlerinnen und das Gezeigte noch extra vorstellen, hier hat sie den besseren Überblick. Für uns als Grassifreunde wird das Grand Palais mit der Révélations als ein Erlebnis der Extraklasse in Erinnerung bleiben, wohlwissend, die Spitze des internationalen Kunsthandwerkes gesehen zu haben.

Der Donnerstag stand unter dem Motto „Paris à la carte“ zur freien Verfügung. Die Hälfte der Gruppe besuchte die Stiftung Louis Vuitton, ein 2014 eröffnetes Privatmuseum in Paris. In dem dekonstruktivistischen Bau des amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry, welcher ohnehin unbedingt sehenswert ist, war die hochkarätige Sammlung Courtauld zu betrachten. Es war ein Rendezvous der Impressionisten, gut die Hälfte der großen Sammlung waren Bilder, die man gut kennt, aber in dieser Fülle im Original noch nie gesehen hat. Den Abend verbrachten wir im Restaurant „Bei den Engeln“ gemeinsam mit den Künstlerinnen. Es war savoir vivre in Reinkultur, die netten Gesprächspartnerinnen, der vorzügliche Wein und mein Boeuf bourguignon, welches sechs Stunden in Rotweinsauce köchelte, werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Am Freitag gab es eine Busfahrt nach Giverny, um Monets Garten zu besichtigen. Diesen kannte ich zwar schon, aber den gefühlt genau so großen Busparkplatz noch nicht. Wir reihten uns in die Schlange ein und versuchten, so gut es ging, ein paar Fotos zu machen. Der Garten war immer noch wunderschön.

Der Sonnabend nach dem Check-out im Hotel war individuell gestaltbar. Wir besuchten die 2014 fertiggestellte Pariser Philharmonie von Jean Nouvel und den pittoresken Parc des Buttes Chaumont mit zwei Brücken von Gustave Eiffel und einem ordentlichen Wasserfall. Um 14:00 Uhr fuhr uns der Shuttle-Bus zum Flughafen. Wie immer an dieser Stelle vielen Dank an die Dame vom Reisebüro, es war großartig. Vollgepackt mit Reiseeindrücken betraten wir den Airbus, au revoir Paris, ce fut un plaisir pour nous, aus gegebenem Anlass kommen wir sicher bald wieder.

Steffen König
Freundeskreis

Fotos: Günther Gromke
*Künstlerinnen: Sarah Pschorn, Anke Hennig, vorn v.li., Elke Sada, Lydia Hirte, Kristina Rothe, hinten v.li.

Informationen zum Artikel:

Autor:
Datum: Donnerstag, 6. Juni 2019 22:56
Themengebiet: Allgemeine News, Archiv, Exkursionen, Terminübersicht

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.

Kommentar abgeben

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Nicht zustimmen Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen