06.04.2019 | Exkursionsbericht Gotha

Tagesexkursion in die Residenzstadt Gotha

Ungemütlich – schon gegen 5:00 Uhr musste aufstehen, wer am 6. April 2019 pünktlich um 7:00 Uhr gemütlich im Bus sitzen wollte. Von Leipzig, bei kalten 5° C und gegen dichten Nebel ankämpfend, sollte uns, erwartungsfrohe Mitglieder des Freundeskreises, die erste Ausfahrt des Jahres nach Gotha führen. Dank freundlich-sicherem Fahrer und zweier interessanter Kurzvorträge (Prof. Engewald zur Geschichte Gothas sowie Herr Geyer zum Gothaer Flugwesen) war die etwa zweistündige Busfahrt schnell und gut bewältigt und bei schönstem Sonnenschein entstiegen wir dem Bus und wandelten, vorbei am Herzoglichen Museum (gebaut 1864 – 1879 im Stile des Historismus), dem 1643 – 1654 erbauten Schloss Friedenstein entgegen. „Ernst der Fromme“, Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha, gilt als Erbauer dieses „Thüringer Louvres“. In der Tat ist die frühbarocke Schlossanlage nach französischem Vorbild errichtet und stellt heute zugleich den wohl größten Schlossbau Deutschlands aus dem 17. Jhd. dar.

Schloss Friedenstein in Gotha *

Zeitgleich starteten für unsere recht große Reisegesellschaft zwei Führungen durchs Schloss.
Frau Gerlach, eine etwas burschikos-fachkundige Dame, übernahm eine der beiden Gruppen und wusste mit zahlreichen Informationen zu interessieren.

So erfuhren wir beispielsweise Wissenswertes über die wechselvolle Historie des Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg, die baulichen Pläne und die Schlossgeschichte, über die Sammelleidenschaft der Herzöge etc. Wir bewunderten zahlreiche Wohn- und Repräsentationsräume des Schlosses. Kunstschätze, wie  Bilder, wundervolles Porzellan aus Asien, Tafelsilber, ja selbst japanisch anmutende Lincrusta-Tapeten galt es dabei zu würdigen.

Lincrusta-Tapete im Schloss *

In der Kunstkammer schließlich – diverse Kleinodien – ein Stück schöner und interessanter als das andere – Zeugnisse der großen Begeisterung der Herzöge für Ästhetik, für Kunstgeschichte und Naturkunde. Schade – hier wenigstens hätte so mancher gern intensiver auf „die Dinge“ geschaut, denn unser Interesse gilt ja nun einmal ganz besonders dem schön Gestalteten. Die Führung wurde dem nicht ganz gerecht.

Höhepunkt des Rundganges aber war ganz sicher für die meisten von uns der Besuch des Ekhof-Theaters, denn wann bekommt man schon einen Einblick in eines der ältesten Barocktheater mit einer nach wie vor funktionstüchtigen, manuell zu bedienenden Bühnentechnik aus dem 17. Jhd. 1681 – 83 in den eigentlichen Ballsaal des Schlosses eingebaut, diente das Theater zuerst nur der herzoglichen Familie und den höheren Beamten als Bühne, um dann ab 1775 von einem fest angestellten Ensemble bespielt zu werden – eines der ersten deutschen Hoftheater. Die Leitung der sozial abgesicherten Schauspieltruppe war zwischen 1775 und 1778 Conrad Ekhof übertragen worden, der schon zu Lebzeiten  als „Vater der deutschen Schauspielkunst“ geehrt wurde. Ekhof, selbst ein Herzblut-Schauspieler, trug wesentlich zum Ruhm des Gothaer Hoftheaters als einem wichtigen Zentrum der deutschen Theaterlandschaft bei. Zahlreiche, z. T. wohl spektakuläre Aufführungen (Shakespeare, Molière, Voltaire, Diderot, Goldoni, Lessing…) begeisterten nun nicht nur die höfische Gesellschaft – auch das gut situierte Bürgertum konnte die Aufführungen genießen.Technisch Interessierte mussten sich leider mit den eher spärlichen Mitteilungen über die „Schnellverwandlungsmaschinerie“ der Kulissenbühne (vom Italiener G. Torelli 1641 erfunden) begnügen. Eine Kulissenverwandlung benötigte wohl bis zu 12 Personen und erstaunlich rasche Szenenwechsel waren durch die zahlreichen technischen Raffinessen leicht möglich. Selbst ein „Flugwerk“ und Maschinen zur Erzeugung diverser visueller und akustischer Theatereffekte fehlten nicht. Noch heute kommt bei Aufführungen eine alte Wind- und Donnermaschine zum Einsatz. Vielleicht gelingt es ja den besonders Interessierten, eine der heiß begehrten Eintrittskarten, beispielsweise für das jährlich im Sommer stattfindende Ekhof-Festival, zu ergattern… Wir jedenfalls mussten unsere Phantasie ein wenig spielen lassen, um eine Ahnung von all den künstlerisch-technischen Möglichkeiten dieses schönen Gesamtkunstwerkes zu erhaschen.

Alle zum Gothaer Schloss gehörenden Gebäude und Einrichtungen zählen heute zum „Barocken Universum Gotha“ und sind ganz sicher noch mehrere Besuche wert.

Ein kleiner Spaziergang, nun bei allerschönstem, weil vor allem warmen Wetter, durch den Gothaer Schlosspark führte uns ins „Restaurant am Schlosspark“. Das dortige Mittagessen trug zur allgemeinen Zufriedenheit bei. Per Bus ging es dann Richtung Gartenstadtsiedlung „Am schmalen Rain“.

Die Gartenstadtsiedlung „Am schmalen Rain“ *

Hier – wieder zwei zeitgleiche Führungen durchs Gelände, mit sehr viel Fachkompetenz und Herzblut geleitet. Wir lernten – die hufeisenförmig angelegte Siedlung im Süden Gothas entstand, beeinflusst von der frühen Garten-stadtbewegung, als Genossenschafts-wohnungsbau. Die Architekten Richard Neuland, Bruno Tamme und der Regierungsbaumeister Pfitzmann wurden von der Wohnungsgenossenschaft der Eisenbahner e. V. Gotha unter Vertrag genommen und sollten in kollegialer Zusammenarbeit und unter Berücksichtigung der Gartenstadt-Idee Wohn- und Lebensraum für die zukünftigen Bewohner schaffen. Im Februar 1927 begannen die baulichen Arbeiten, im September fand bereits ein großes Richtfest „Am schmalen Rain“ nahe der Eisenbahnstrecke Gotha-Eisenach statt. Trotz vieler Sparzwänge und entsprechenden Zugeständnissen an Wohnungsaufteilungen, Materialien, Farbgestaltung… war es doch gelungen, in einem städtischen Randgebiet in ruhiger, fast idyllisch anmutender Lage Wohnraum für viele Gothaer Familien zu schaffen. Zu den Siedlungshäusern gehörten Vorgärten, Wirtschafts- und Nutzgärten, Grün- und Freiflächen mit Spielmöglichkeiten für die Kinder. Insgesamt 269 Wohnungen entstanden; auch an Läden war gedacht worden. Heute engagiert sich ein Förderverein für die Erhaltung der noch immer genossenschaftlich angebundenen Siedlung, die zwar bereits 1972 unter Denkmalschutz gestellt wurde, aber erst nach 1989 Stück für Stück umfassend saniert werden konnte. 2001 gab es dafür den Thüringer Denkmalschutzpreis. Die Erfordernisse an die Erhaltung des auch farblich wundervoll gestalteten Gesamtensembles werden wohl nie kleiner werden – viel Engagement von Stadt und Bewohnern selbst bleibt notwendig, aber wirklich lohnenswert. Guter Dinge und klüger geworden bestiegen wir den Bus, der uns sicher wieder zurück nach Leipzig brachte. Gegen 18:00 Uhr und bei deutlich wärmeren Temperaturen als am Morgen endete der Tagesausflug und die Reisegesellschaft zerstreute sich.

Ein ganz herzliches Dankeschön an Herrn Prof. W. Engewald für die „Vorarbeit“ und natürlich an Frau Weidig von Vetter-Touristik.

Angela Meinel
Mitglied Freundeskreis

* Fotos: Angela Meinel

 

Informationen zum Artikel:

Autor:
Datum: Dienstag, 21. Mai 2019 22:15
Themengebiet: Archiv, Exkursionen, Terminübersicht

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