Exkursion Doberlug-Kirchhain 2014

Gelände der Landesausstellung

Am 06.09.2014 trafen sich 44 Mitglieder des Freundeskreises  GRASSI Museum für Angewandte Kunst e. V. zu einem Kurztrip nach Doberlug-Kirchhain.

Auf dem Programm stand der Besuch der ersten brandenburgischen Landes-ausstellung „Preußen und Sachsen  – Szenen einer Nachbarschaft“, die Besichtigung der Schlosskirche sowie ein Abstecher nach Domsdorf in die Brikettfabrik “Louise“. Ganz besonders freuten wir uns über die Teilnahme der Chefin des Hauses Frau Dr. Hoyer. Nach planmäßiger Ankunft begann das Programm mit der Besichtigung der Klosterkirche auf dem Gelände des ehemaligen, 1165 gegründeten Zisterzienserklosters von Doberlug.

Innenraum der Kirche

Nach der Säkularisierung des Klosters 1541 entstand aus der einstigen Klosterabtei peu à peu ein prächtiges Schloss, die Klosterkirche blieb erhalten. Das Interieur der Kirche überraschte, weil man es von außen nicht erwartet hatte. Sie ist innen eine helle farbenfrohe Kirche, die 1909 ihr jetziges neobarockes Aussehen erhielt. Die Kirche ist unbedingt sehenswert mit allerlei Überraschungen. Die Interpretation der Führerin mit ihren Bonmots über diverses Inventar war kurzweilig und unterhaltsam.

Danach begaben wir uns ins Schloss zur ersten Brandenburgischen Landesausstellung, die unter dem Motto „Wo Preußen Sachsen küsst“ einlud. Das Schloss, im Stile der Renaissance errichtet, ist frisch restauriert und die Fassaden mit einer Trompe-l’oeil- Bemalung versehen.

Mitglieder FK vor dem Schloss

Die perspektivisch gemalten Gesteins-quader sehen aus einiger Entfernung täuschend echt aus. In der Ausstellung erfährt der Besucher in sieben verschiedenen Szenen von Partnerschaft und Rivalität, Macht und Ohnmacht, Glanz und Gloria und wie 1815 aus vielen Sachsen plötzlich Preußen wurden. Es gab jedoch einen gewissen Zeitdruck infolge logistischer Probleme seitens der Ausstellungsführer (Auswirkung des Bahnstreikes) und wir verbrachten wertvolle Zeit im Schlosshof. Somit konnten wir die zahlreichen hochkarätigen und sicher selten gezeigten Exponate wie z. B. den samtenen roten Kurfürstenhut mit seinen weißen Hermelinschwänzchen nicht in der nötigen Ruhe betrachten. Mehr Zeit hätte man sich auch für die Details des sogenannten „Zeithainer Lustlagers“ und der kostbaren Dragonervase gewünscht. In den letzteren Abteilungen wurde man an Gemeinsamkeiten auf kulturellem, wissenschaftlichem und technischem Gebiet erinnert, wie z. B. an die beiden Bergbauakademien Freiberg/Sachsen und Berlin/Preußen, die im 18. Jahrhundert gegründet wurden. Bei der Erforschung und Herstellung von Porzellan in Meißen und Berlin war recht bald ein Erfahrungsaustausch möglich. Dank dem genialen Gelehrten und Techniker Tschirnhaus konnten in Sachsen Glashütten errichtet werden, weil er die dazu nötigen wissenschaftlichen sowie technischen Voraussetzungen lieferte. Ohne seine Hochleistungsöfen hätte Böttger sein Porzellan nie in der erforderlichen Güte brennen können.

Da Sachsen die seltene Gabe hatte, über die Jahre stets die falschen Verbündeten zu haben, zuletzt Napoleon, kam dann, was kommen musste. Bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1814/15 verlor Sachsen – wie im Preßburger Vertrag von Mai 1815 festgelegt – 2/3 seines Territoriums an Preußen und wurde somit in die politische Bedeutungslosigkeit geschickt. Die Niederlausitz mit Doberlug war auch dabei. Der Wiener Kongress, der am 18.September 1814 begann, war daher auch der Aufhänger für die Ausstellung 2014 im Doberluger Schloss.

Nach dem ersehnten Mittagessen  fuhr uns der Bus in das unweit gelegene  Domsdorf zur „Louise“, der ältesten Brikettfabrik Europas.

Ankunft Brikettfabrik "Louise"

Sie war 109 Jahre bis November 1991 in Betrieb. Aufrecht erhalten wird sie, nunmehr als Technisches Denkmal, durch einen Freundeskreis von 35 Mitgliedern. Seit 2008 gibt es einen hauptamtlichen Museumsleiter. Weil die Person, die uns durch die Gebäude führte, früher selbst vor Ort arbeitete, kamen die Schilderungen sehr begreifbar und ohne Ostalgie herüber. Schon zu Beginn im Ofenhaus – hier wurde der überhitzte Wasserdampf in 11 Öfen mit den dazugehörigen Flammrohrkesseln erzeugt – kam, verstärkt durch das Gehörte, ein mulmiges Gefühl auf. Infolge des allgegenwärtigen Kohlestaubes sowie Raumtemperaturen zwischen 50 bis 60° C hing immer das Damoklesschwert in Form von möglichen Kohlestaubexplosionen über der Fabrik.

 

Tellertrockner in der Fabrikhalle

In der nächsten Halle mit den Tellertrocknern kamen mir einige Gemälde in den Sinn, in denen Künstler versuchten, den Vorhof der Hölle darzustellen. Nach einem Besuch der Tellertrocknung in der „Louise“ wären diese sicher authentischer ausgefallen. Die Vorführung  von nur einem Trockner war schon ohne Kohle ohrenbetäubend, es gab wohl 7 Stück davon. Diese waren durch ein Labyrinth von Rohren verbunden, da hier wie im gesamten Betrieb alles mit überhitztem Wasserdampf von 250° C betrieben wurde. Elektroenergie war zur Bauzeit zwar bekannt, aber noch nicht beziehbar, dieser Sektor begann sich erst zu entwickeln. Die übereinander liegenden Teller riesigen Ausmaßes, wo die gemahlene Kohle von oben nach unten rieselte, waren in der Anfangszeit nicht einmal ummantelt. Der Höllenlärm, die freigesetzten lungengängigen Stäube bei 60° C, der Wasserdampf mit einhergehender Materialermüdung und Korrosion, die mögliche Staubexplosion, Zustände in der „guten alten Zeit“, die heute kaum mehr vorstellbar sind.

älteste Brikettpresse

Als man dann in der Halle der Brikettpressen vor der ältesten Dampf-maschine, einem Meisterwerk deutscher Ingenieurkunst Platz nahm, wich das Gruseln. Die Maschine wurde zwischen-zeitlich zu Demonstrationszwecken mit einem E-Motor angetrieben, was diesbezüglich aber nicht stört. Als die Dampfmaschine gestartet wurde, der Betonboden sanft vibrierte, die Steuer-stangen der Ventile anfingen zu zappeln und das gewaltige Schwungrad das große Hauptarbeitspleuel in seine lineare Bewegung versetzte, war das Faszination pur. Unter Dampf überträgt natürlich das Pleuel die Kraft auf das Schwungrad. Das technisch kultigste Teil war zweifellos der Fliehkraftregler nach James Watt, der die Dampfzufuhr drosselt, wenn die Maschine zu schnell dreht. Hoffentlich wird die „Louise“, dieses lebendige Museum, nie dichtgemacht. Während des anschließenden Kaffeetrinkens und der angeregten Diskussion war mit dem besten Willen nicht zu klären, was mehr beeindruckte, die Landesausstellung oder die „Louise“, ich hatte den Eindruck, die „Louise“ bewegte die Gemüter sehr. Vielen Dank an die Macher für die kulturpolitische Auffrischung, wenn auch auf Kosten der Sachsen.

Steffen König
Mitglied Freundeskreis


Informationen zum Artikel:

Autor:
Datum: Dienstag, 16. September 2014 23:11
Themengebiet: Archiv, Exkursionen, Terminübersicht

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