Grassifrühstück Mai 2014 – Rundgang in Leipzig – Plagwitz

Nachdem kurzfristig die geplante Besichtigung der Konsumzentrale Leipzig abgesagt werden musste, erklärte sich Herr Bernd Sikora bereit zum Thema

„Auf den Spuren Karl Heines“ – eine Führung zur Industriekultur durch Leipzig-Plagwitz.

Mit Herrn Sikora hatten wir einen exzellenten Kenner der Leipziger Architektur und Baugeschichte und unser Dank geht an dieser Stelle noch einmal an Herrn Sikora.

Alle Teilnehmer, so auch unser Freundeskreismitglied Manfred Rüstig, waren begeistert.

Herr Rüstig hat dazu einen sehr umfänglichen und interessanten Bericht geschrieben, der Teilnehmer und Leser den Rundgang nacherleben lässt:

Es war ein besonderes Grassifrühstück. Der Architekt, Grafiker und Buchautor Bernd Sikora führte uns durch den Leipziger Stadtteil Plagwitz. Industrie- und Wohnbauten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren unsere Ziele.

Wir trafen uns am ehemaligen Verladebahnhof – jetzt als Freizeitpark in Grün getaucht – vor der Konsumzentrale in der Industriestraße.

Mit etwa 30 gut gelaunten und erwartungsfrohen Freunden des Grassi Museums für Angewandte Kunst konnte ein beschaulicher, aber sehr informativer Rundgang durch den geschichtsträchtigen Leipziger Westen beginnen.

Plagwitzer Industriegeschichte ist in ihren Anfängen die Geschichte von Karl Heine. Es sind seine Visionen und Taten, sein Vorwärtsdrängen und sein Fortschrittsglaube, die Plagwitz zu einer industriellen Blüte führten, welche in Deutschland kaum ihresgleichen fand. Weder die borstige Natur noch rückwärtsgewandte Amtsstuben konnten ihn aufhalten. Er war Rittergutsbesitzer in Gundorf, Bauherr, Landschaftsgestalter und ein gewiefter Stratege. Selbst den sächsischen König konnte er für seine Ziele gewinnen.

Herr Sikora als profunder Kenner der Leipziger Baugeschichte ließ den Landschaftswandel von der Trockenlegung der Sümpfe, die dem Westen der Stadt ein unwirtliches Gepräge gaben, der Begradigung der Weißen Elster, dem Anlegen von Kanälen, dem Versetzen ganzer Erdenberge in der logistischen Verpflichtung neu erstehen.

Auf so vorbereitetem Terrain führte er uns, vorgegeben nicht durch die historische Abfolge, sondern durch die Wegstrecke, von der Konsumzentrale bis zur Könneritzbrücke zu beeindruckenden Bauwerken, zu gewandelten, nicht mehr oder nur noch in Umrissen erkennbaren stummen Zeugen der Plagwitzer Industrie- und Wohnkultur.

Unser Treffpunkt, im Angesicht der imposanten Klinkerfront der Konsumzentrale, war gut gewählt. Von 1923-1933 von Fritz Höger im „Bauhaus – nahen Stil“ erbaut, soll sie an ein riesiges Schiff erinnern.

Fritz Höger, von seinen anderswo in Deutschland hofierten Kollegen als „Maurer“ eher verspottet als anerkannt, war da wohl mehr von seiner Hamburger Heimat inspiriert. Vielleicht war es aber auch der nur 50 m entfernte Kanal, der heute den Namen Karl Heines trägt, der als zukünftige Wasserstraße von Leipzig nach Hamburg seine Ideen beflügelte. Wir kennen seine Gedankenspiele nicht. Aber aus Geschichten wird nicht selten Geschichte. Ein großes Schiff aus Stein gemauert, in Plagwitz stehend und nach Aussage von Herrn Sikora eigentlich zum Weltkulturerbe gehörend, mit Wasseranbindung an die Elbestadt, wer hat das schon.

Es ist auch nicht nur ein gewaltiger Schiffskörper. Aus größerem Abstand betrachtet kann man mit etwas Phantasie auf dem Dach die Steuerbrücke des Kapitäns erkennen. Mehr noch, an den Türeingängen sind die Schulterklappen als goldene Streifen symbolisch dargestellt. Klinker mit Farbmischung, gekonnt verlegt, ergeben eine lebendige Oberfläche. Im Gebäude sind Inneneinrichtungen eines Schiffes wie blau-grüne Fliesen und weißglasierte Einbaumöbel nachgebildet. Wir konnten es leider nicht besichtigen. Der weiträumige Hof des Gebäudeensembles, der sich über einer Tiefgarage befindet (auch für LKW), wird eingerahmt durch die alles dominierende Zentrale und Wirtschafts-, Lager- und Kühlräume, die sich zu einem hochintelligenten Funktionsbau formieren.

Unser Weg führte uns von der Konsumzentrale über den Freizeitpark, dem ehemaligen Verladebahnhof, zum „Stelzenhaus“, einer ehemaligen Verzinkerei. Meterhohe Betonstützen, die bis in den Karl-Heine-Kanal reichen, tragen Restaurant, Wohnungen und Gewerberäume.

Weiter ging es über Treppen, deren Geländer, zur Erinnerung an die frühere Funktion dieses Ortes, aus Eisenbahnschienen bestehen, in Richtung Weiße Elster. Der großzügig gestaltete Fuß- und Radweg entlang des Kanals, Anfang der 90-er Jahre gebaut und eine Referenz an die Wandlung des Leipziger Westens von einer Industrie in eine Wohn- und Freizeitlandschaft, begleitete uns.

In Höhe des „Riverbootes“ wurde uns die logistische Meisterleistung Karl Heines exemplarisch bewusst. Ein breitgefächertes Schienennetz mit Verladestationen, Lager- und Umschlagplätzen durchzog das Industriegebiet. Das “Riverboot“ lagert auf den Schienen einer Eisenbahnbrücke über dem Karl-Heine-Kanal. Vergangenheit und Gegenwart in trauter Gemeinsamkeit. Von Nonnen-, Industrie- und Brockhausstraße begrenzt sowie von der Weißen Elster durchzogen, begrüßten uns nun die monumentalen Buntgarnwerke. Etwa ab 1870 im Stile der Neo-Renaissance und im Jugendstil erbaut, beeindrucken sie Bus- und Wassertouristen gleichermaßen. Großzügige Loftwohnungen, mit Zwischendecken gestaltet, vermitteln ein Wohngefühl jenseits von vorgestanzten Platten- und Betonbauten. Rendite steigernde Aufbauten mindern die großartige Sanierungsleistung.

Unterwegs, immer wieder Abwechslung bietend, begegneten uns die hellen Fassaden der 3-und 4-stöckigen Wohnhäuser, erbaut in der Gründerzeit und Heimstatt der zehntausenden Arbeiterinnen und Arbeiter, die das Räderwerk der umliegenden Fabriken bedienten. Großbetriebe wie Bodenbearbeitungsgerätewerk BBG, Leipziger Buchbindereimaschinenwerk, Schwermaschinenbau S.M. Kirow, Druckmaschinenwerk, Pumpen- und Gebläsewerk, Blechverformungswerk und fast weitere 100 Unternehmen bestimmten das Bild auf einer Fläche von mehr als 100 ha. Heute saniert, anderer Funktion überführt, abgerissen oder leer stehend. Die Bewohner der Häuser wissen die von Staub, Ruß und Lärm befreiten Straßen und Plätze zu schätzen und haben die Wasserläufe in ihren Besitz genommen. Sie ahnen nicht, dass die Erbauer der Häuser sich gegenseitig bei der Fassaden- und Innengestaltung überbieten wollten. Dekor und Ornamente, neo-gotische Treppenhäuser und vieles mehr wurden zur „Spielwiese“ der Architekten.

Nach zwei Stunden – wir passierten die Art-déco-Fassaden des Museums für Druckkunst – erreichten wir die Könneritzbrücke, unser letztes Ziel. Eine sehenswerte Brücke, gefertigt aus besonders breiten Doppel-T-Trägern und mit Ausblick auf die Elster und umliegende historische Gebäude. Auf der einen Seite die frisch sanierte Karl-Heine-Villa, auf der anderen Seite Fabrikräume von Mey & Edlich. Balkons zur Flussseite vermitteln südländisches Flair. Wer weiß schon noch, dass Mey & Edlich den ersten illustrierten Versandhauskatalog der Welt herausgaben und austauschbare Manschetten und Kragen herstellten, die das Klischee der besonderen Akkuratesse der damaligen Büroangestellten bis heute bedienen. Mit dem Blick auf die sanft dahingleitenden Boote auf der Weißen Elster endete unser Frühlingsspaziergang.

Herzlicher Applaus für die wunderbare Führung dankte Herrn Sikora.

 

Informationen zum Artikel:

Autor:
Datum: Dienstag, 13. Mai 2014 23:16
Themengebiet: Archiv, Grassifrühstück, Terminübersicht

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