Bildapplikation mit Seidenstickerei „Der Hl. Thomas als Namenspatron des Thomanerchores“

Gesamtansicht

Wenn man, wie ich, lange Zeit und sehr gern mit den Thomanern Kunst betrieben hat und die 800-Jahrfeier des Thomanerchores ansteht, möchte man zu diesem Jubiläum einen Beitrag leisten, der in die Räume des Alumnats schmückend und gleichzeitig informierend einbezogen werden kann. Die Mitglieder meines Arbeitskreises Textildesign im Freundeskreis GRASSI Museum für Angewandte Kunst e. V. waren von diesem Projekt begeistert, ist es doch eines unserer Anliegen, auch großformatige textilkünstlerische Arbeiten anzufertigen. Solche Gestaltungen erfordern immer besonderes Engagement. Jede Einzelne kann sich individuell in die Auseinandersetzung mit dem Thema einbringen, muss aber dabei immer das Ganze im Auge haben, was für alle stets an- und aufregend ist. Dass „Der Hl. Thomas…“ aber das bisher anspruchsvollste von nunmehr neun unentgeltlich gefertigten Werken für öffentliche Räume werden sollte, konnten wir anfangs noch nicht wissen.

Schon im März 2011 stellte ich allen 18 Mitgliedern des Arbeitskreises meine Idee vor, denn eine großformatige Leinenapplikation, die durch Seidenstickerei differenziert werden soll, braucht schon geraume Zeit zum Gestalten.

Wir einigten uns schnell auf die Einbeziehung zweier Ebenen: Symbole, die den Hl. Thomas kennzeichnen und Elemente, die zum Leben und Wirken des Thomanerchores gehören. Als Gesamtmotiv wählten wir die Kreuzform, da uns deren ikonografische Bedeutung dem Inhalt am besten adäquat erschien.

Nun begann die Suche nach geeigneten Symbolen, Attributen und  Merkmalen, die als Bildelemente den beiden von uns geplanten Ebenen zugeordnet werden konnten.

Dass der Hl. Thomas die Mitte und damit der Hauptakzent der Gestaltung sein sollte, darüber waren wir uns schnell einig, aber dazu mussten 16 weitere Motive gefunden werden, bevor die eigentliche Entwurfsarbeit in Angriff genommen werden konnte!

–> das Schema zeigt den Platz der gefundenen Motive

Im April hatten wir alle inhaltlichen Fragen geklärt, so dass nun jede Einzelne mit dem Entwurf des von ihr gewählten „Bausteins“ für den Wandbehang begann. Die einzelnen Formen wurden in das Kompositionsschema eingefügt, sowohl die zwei inhaltlichen Ebenen als auch die in den Vierergruppen zusammengefügten Teile mussten miteinander harmonieren. Und natürlich war immer zu beachten, dass die Applikation eine typische Abstraktion der Gegenstände verlangte. Also: Stets vergleichen, experimentieren, teilweise verwerfen und schließlich eine Lösung finden, die allen Kriterien gerecht wurde. Dazu muss man sagen, dass wir „Textildesigner“ in der Auseinandersetzung zwar sachlich, aber immer kritisch und selbstkritisch sind, gerade das macht ja unsere Zusammenarbeit so interessant!
Im Mai begann die Arbeit mit den Textilien. Unterschiedliche Leinenstoffe wurden für die Applikationen zusammengefügt, so dass nun schon in etwa die textile Wirkung zu erahnen war.
In der LVZ erschien ein Artikel zu unserem Vorhaben, der aber leider wesentliche inhaltliche Fehler enthielt, so dass unsere Freude darüber doch etwas getrübt war.
Als aber der Vorsitzende des Förderkreises Thomanerchor, Dr. Michael Kampf, die ja noch immer im Anfangsstadium befindliche Arbeit sah und unsere vorliegenden Ansätze und Vorstellungen sehr gut nachvollziehen konnte, gab uns das großen Aufschwung für die Weiterarbeit. Denn die Sicht eines „Außenstehenden“ lässt besonders gut erkennen, ob die Gestaltung das erlebbar macht, was man übermitteln möchte.

Motiv: Hl. Thomas

Nachdem die Einzelmotive (der Hl. Thomas besteht z. B. aus 60 Einzelformen, kleine Teile nicht mitgerechnet) auf die Untergründe der Motive aufgenäht waren, begann jeder mit dem Erproben der Seidenstickerei. Auch dabei war wieder konsequente Abstimmung nötig, aber nun machte das Gestalten noch mehr Freude, weil durch das Sticken sich viele Details spannungsreicher darstellen ließen! Da einige Mitglieder unseres Arbeitskreises auch die Klöppeltechnik beherrschen, konnten wir einige Elemente noch durch geklöppelte Formen bereichern.

Farblich blieben wir zurückhaltend, bedingt durch den Inhalt der Gestaltung. Außerdem galt es, bei dem Gesamtformat der Arbeit von 2,0 x 1,50 Metern durch die ausgewogenen Kontraste einen einheitlichen Gesamtausdruck zu erzielen.

Gleich nach dem Jahreswechsel wollten wir unseren Wandbehang fertiggestellt haben, was bedeutete, dass alle Teilformen, die den Hl. Thomas kennzeichnen, auf die entsprechende Ebene aufgenäht wurden. Danach konnte diese und die Motive des Thomanerchores auf den Gesamtgrund genäht werden. Dass auch hierbei wieder viele Tücken lauerten, war völlig logisch, denn Stoffe verschieben sich leider, wenn sie übereinander befestigt werden sollen. Aber „Trennen“ gehört nun mal zum textilen Handwerk, denn gerade das von uns gewählte Kreuzsystem erforderte eine Exaktheit der Ordnung.

Nun waren wir am Ende und glaubten, dass nun nichts mehr geschehen konnte. Die Arbeit sollte nun nur noch gerahmt werden, damit sie unter Plexiglas gesichert ist. Aber es sollte bis zuletzt „spannend“ bleiben. Das von uns bevorzugte entspiegelte Material stellte sich als „Milchglasvariante“ heraus, völlig ungeeignet für jede Art von Bildern, geschweige denn für Textilien, bei denen auch stoffliche Spezifika sichtbar sein sollen. Also musste eine andere Plexiglasplatte verwendet werden, die leider keine Entspiegelung ermöglicht.

Übergabe durch Frau Dr. Paul

Als wir am 12. Mai 2012 unsere Textilarbeit in der Mitgliederversammlung des Förderkreises Thomanerchor Leipzig e. V. dem Chor geschenkt haben und erleben konnten, wie auch die Thomaner aufmerksam den Erläuterungen zum Gestaltungsprozess folgten und mit viel Interesse das Werk betrachteten, waren alle Schwierigkeiten der Erarbeitung vergessen. Wir freuten uns sehr und wussten, dass „Der Hl. Thomas“ ein würdiger Beitrag zum Jubiläum des Thomanerchores ist. Wir konnten uns bei diesem Anlass auch beim Förderkreis bedanken, der die Materialien für Applikation und Stickerei sowie die Rahmung finanziert hat.

Motiv: Notenständer

Das Kunstwerk muss nun allerdings wieder ins Archiv, da der Alumnatsumbau noch in vollem Gange ist. Aber voraussichtlich im März 2013 kann es in einen der Probensäle einbezogen werden. Dann hoffen wir, dass es die Thomaner und andere Betrachter erfreuen und dazu anregen wird, über die Bildelemente zu diskutieren. Vielleicht können so alle nachvollziehen, dass uns gerade diese Arbeit durch das Bewältigen vieler Herausforderungen sehr viel Freude bereitet hat.

Heidemarie Paul / Leiterin Arbeitskreis Textildesign

Motiv: Gespaltener Fels

Informationen zum Artikel:

Autor:
Datum: Montag, 18. Juni 2012 21:51
Themengebiet: Archiv, Textildesign

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