Seidenstickerei „Vier Elemente“

IMG_2700_V1_400x3001997 fragte die katholische Kirchgemeinde St. Laurentius in Leipzig in unserem Arbeitskreis an, ob wir für einen Andachtsraum der Kirche eine textilkünstlerische Arbeit anfertigen könnten.

Pater Bernhard, der an Textilkunst sehr viel Interesse zeigte und selbst historische Textilien sammelte, trug diese Bitte an uns heran. Da wir gern gemeinsam an größeren Projekten arbeiten, überlegten wir nicht lange, sondern sagten zu. Die Wahl eines geeigneten Themas wurde uns überlassen. So entschieden wir uns für „Die vier Elemente“, weil  Erde, Wasser, Feuer und Luft als wesentliche Basis für das Leben unser aller Dasein bestimmen und in der christlichen Glaubenslehre als Elemente der Schöpfung gelten.

Ein Entwurf wurde von mir erarbeitet, der in der Bildform die Spezifika der Seidenstickerei berücksichtigte, die eine sehr starke Differenzierung der Bildelemente ermöglicht. Ich brachte die vier Einzelteile, welche die Elemente assoziieren, in eine asymmetrische Anordnung, um die Gesamtform spannungsreich zu gliedern. Der Entwurf fand allgemeine Zustimmung, so dass die Arbeit –zuerst mit Arbeitsproben- in den einzelnen Arbeitsgruppen beginnen konnte. Wir verwendeten eine Vielzahl von farbigen Nuancen, entwickelten Strukturen, die eine bestimmte Oberflächenbeschaffenheit der jeweiligen Elemente kennzeichnen konnten. Immer wieder wurden Gegenstandsformen und Farben aufeinander abgestimmt, die individuellen Varianten der Sticktechnik einem vergleichbaren Gefüge angenähert, was nicht immer ohne Auftrennen bereits gestickter Teile möglich war. Aber gerade in diesem schwierigen Gestaltungsprozess kamen in  der Zusammenarbeit aller Beteiligten immer wieder neue interessante Ergebnisse heraus, welche die weitere Arbeit prägten.

Die gesamte künstlerisch-handwerkliche Fertigung dauerte vom Februar bis zum Oktober 1997. Am 26. 10. 1997 wurde die Stickerei im Rahmen eines Gottesdienstes feierlich der Gemeinde übergeben. Das war für uns ein großes Erlebnis, gleichzeitig aber auch Ansporn zu weiteren großen Arbeiten, weil wir feststellen konnten, dass auch für die Entwicklung unseres Arbeitskreises solche Projekte entscheidenden Beitrag leisten konnten.

Als ich im Jahre 2007 eine Aufstellung unserer bis dahin gestalteten Wandbilder u. ä. verfassen wollte, erkundigte ich mich auch nach den „Vier Elementen“, nicht ahnend, dass dies eine Art „Suchaktion“ werden würde. Ich erfuhr im Pfarrbüro, dass der Andachtsraum nicht mehr existierte, weil ein Teil des Kirchengebäudes jetzt zur Fachschule für Sozialwesen gehört. Aber man versprach mir, eine „Fahndung“ einzuleiten.

IMG_2702_V1_400x300Längere Zeit hörte ich nichts vom Verbleib des Werkes, aber im Sommer 2009 rief mich Frau Swoboda vom Pfarrbüro an, dass sie die „Vier Elemente“ gefunden habe, die aber durch die jahrelange Nutzung des Raumes stark verschmutzt wären. Das mussten wir leider bestätigen, als Frau Pfeiffer, Textilrestauratorin und Mitglied im Arbeitskreis, und ich die Arbeit wiedersahen. Was war nun noch zu retten? So verschmutzt konnte das Werk keinesfalls an eine Wand gebracht werden. Frau Pfeiffer versuchte es mit vorsichtigem Absaugen des Staubes, was aber keinerlei Wirkung zeigte. Da nun aber nichts mehr „zu verlieren“ war, übernahm ich die weitere Bearbeitung, immer eingedenk, dass diese nicht voraussehbare Risiken barg. Der Reinigungsprozess dauerte fünf Tage. Ich trennte an allen möglichen Stellen die Vlieseline ab, die unter den Seidenstoff gebügelt war und den meisten Schmutz in sich konzentriert hatte. Danach wurden die einzelnen „Elemente“ vorsichtig in lauwarmer Seidenwaschlauge mit einem Schwamm Stück für Stück abgetupft und mehrmals gespült. Das Ergebnis war verblüffend: die Farben der Seidenstickgarne waren auch nach diesem Prozess in allen Differenzierungen erhalten geblieben, kein einziger Stich hatte sich gelöst, selbst die Maße der Teile hatten sich nicht verändert. Das Ergebnis gab der etwas unkonventionellen Art und Weise des Reinigens Recht, denn anders wäre wohl nichts zu retten gewesen. Nun konnte also neue Vlieseline aufgebügelt werden, um den Seidenstoff zu stabilisieren.

Damit aber die „Vier Elemente“ für lange Zeit ohne Gefahr als Wandschmuck im Laurentiussaal der Kirche zur Geltung kommen können, wurden die vier Einzelteile hinter Glas staubdicht gerahmt. Am 16. 12. 2009 konnten sie fachgerecht durch den Hausmeister der Kirche angebracht werden und am 6. 1. 2010 wurden sie mit allen Mitgliedern des Arbeitskreises Textildesign am neuen Ort „abgenommen“. Nicht nur diejenigen Mitglieder, die schon damals an der Stickerei beteiligt waren, freuten sich sehr, dass die Arbeit nun „wiedergeboren“ war und den Raum wirkungsvoll bereicherte. Wir denken, dass auch die Leitung der Kirche und alle, die diese Arbeit sehen werden, deren bildnerische Qualität genießen werden.

Informationen zum Artikel:

Autor:
Datum: Mittwoch, 31. März 2010 21:11
Themengebiet: Archiv, Textildesign

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